Warum ich (k)eine Feministin bin

Letzte Woche war ich zu Gast am Wiener Journalistinnenkongress. Ich war richtig aufgeregt und konnte es kaum erwarten, einen inspirierenden Tag mit erfolgreichen Menschen zu verbringen, die in der gleichen Branche arbeiten wie ich – und rein zufällig auch noch das gleiche Geschlecht haben. Und ich möchte vorweg nehmen, dass mich viele Aussagen sehr berührt haben und ich die Veranstaltung beflügelt verließ. Aber irgendwie war ich auch etwas genervt. Vielleicht war es mein Fehler, nicht davon auszugehen, dass ein Tag unter Frauen zwangsläufig mit zahlreichen aggressiv-feministischen Vorträgen einhergehen muss. Mit erhobenem Zeigefinger forderten die Referentinnen dazu auf, dass sich keine der Anwesenden jemals wieder von der dominierenden Männerwelt etwas bieten lasse. Dass es dieser die Stirn zu bieten gilt. Koste es, was es wolle. 

Mein Können, mein Gehalt

Zunächst möchte ich anmerken, dass an diesen Vorträgen nicht wirklich etwas falsch ist. Doch das feministische Thema ist komplex – so komplex, dass ich dazu auch einiges zu sagen habe. Und das tu ich hier auch, denn mein Blog, meine Meinung. Was finde ich schade, an dem ständigen Feminismus-Fokus in unserer westlichen Welt? Nehmen wir doch als Beispiel den Journalistinnen-Kongress: Unter den Anwesenden nur Frauen, die es geschafft haben, ihre Passion mit ihrem Können zu vereinen und tagtäglich die Bevölkerung informieren, unterhalten und aufklären. Statt dass wir uns also austauschen und besprechen, wie wir unser Handwerk noch optimieren können und dass es uns motiviert, was durch uns alles möglich ist, konzentrieren wir uns lieber darauf, was alles nicht möglich ist. Wir reduzieren uns selbst auf unser Geschlecht, reduzieren uns darauf, eine Frau zu sein. Ein riesengroßes Thema ist der Gender Pay Gap. Wollt ihr meine ehrliche Meinung dazu wissen? Ich scheiß drauf, was der Gumpertscheck Franzl in der gleichen Position verdient. Genauso scheiß ich drauf, was die Rosa Meier verdient. Es geht mir darum, was ICH verdienen will. Ich habe sechs Jahre studiert und zwei akademische Titel. Ich weiß, dass ich einen exzellenten Job mache und in meiner Branche absolute Höchstleistungen erbringe. Wenn ich mich also um einen Job bewerbe, konzentriere ich mich auf die Erfahrung und Ausbildung, die ich vorweisen kann. Ich habe meine Gehaltsvorstellung und gebe diese an, denn ich weiß, dass ich es wert bin. Wenn ich mich mit dem Arbeitgeber einigen kann – geilo! Wenn nicht, finde ich einen besseren, der mir das zahlt, was ich will. Und aus. 

Männerwelt?

Mein ganzes Leben hatte ich nie das Gefühl, in einer Männerwelt zu leben. Meine Mutter hat 3 Schwestern und nur einen Bruder. Familiär war ich also fast ausschließlich von Frauen umgeben.   Ich besuchte eine reine Mädchenklasse. Als ich kurz vor der Matura Klasse wechselte, waren auch hier die Mädels in der Überzahl. In den meisten meiner Uni-Seminare habe ich nie einen Mann gesehen. Bisher habe ich bei zwei Magazinen gearbeitet. Meine Kollegen? Vorwiegend weiblich. Und ganz ehrlich? Bis jetzt habe ich mit Männern trotzdem immer die bessere Erfahrung gemacht. Als ich mit 16 Klasse gewechselt habe, war ich das erste Jahr fast ausschließlich mit den Jungs unterwegs. Im Job habe ich zu Männern immer eine viel engere Bindung gehabt. Aktuell habe ich zwei männliche Chefs. Im Vergleich zu meiner weiblichen Chefin davor, erkenne ich bis jetzt nur Vorteile. Sie fördern mich, wo sie nur können. Der Grund? Sie fühlen sich nicht bedroht von mir. Hier herrscht keine Stutenbissigkeit. Selbst in Konfliktsituationen arbeite ich besser mit Männern zusammen, denn sie sagen mir direkt ins Gesicht, wenn sie etwas scheiße finden und lächeln mich nicht affektiert an, nur um nachher hinterrücks mit einer Kollegin über mich zu lästern. Und sind wir mal ehrlich, die meisten Frauen würden das vermutlich tun.

Vor der eigenen Tür kehren

Ich finde es ehrlich so, so, so furchtbar schade, dass wir Frauen nicht vor der eigenen Tür kehren. Wir wollen zurecht endlich gleich behandelt werden, doch selbst bilden wir ständig Stereotype, lästern über Frauen, die dick sind, zu dünn sind, etwas an sich haben machen lassen, kleine Brüste haben, große Brüste haben, sich langweilig anziehen, sich aufreizend anziehen, ständig was mit wem haben, nie was mit wem hatten. Sei doch mal ehrlich: Hast du genauso viel Respekt vor Kim Kardashian, wie vor einer eleganten Frau mit Doktortitel? Solltest du! Denn wir sind alle Frauen und alle gleich viel Wert. Kleine Hausübung: Versuch doch mal einen Tag lang an jeder Frau, die dir ins Auge fällt, etwas schönes und positives zu finden. Versuche, dir nicht sofort ein Vorurteil zu bilden. Und halte inne, wenn du das nächste Mal über eine andere Frau herziehen willst. 

Erziehung is the key

In unserer westlichen Welt haben wir es weit gebracht. Hier sind wir an einem Punkt, an dem wir nicht Feminismus, sondern RESPEKT für jeden Menschen, egal ob Frau, Mann oder welche Geschlechter wir auch immer definieren möchten, anerziehen können. Wir können unsere Söhne dazu erziehen, aufrichtig, hilfsbereit, liebevoll, beschützend und respektvoll zu sein. Wir können ihnen zeigen, dass es ganz normal ist, andere Menschen auf allen Ebenen zu unterstützen. Und wir können unsere Töchter ermutigen, selbstbewusst zu sein und dass sie alles schaffen können, wenn sie Passion mitbringen und auch bereit sind, dafür zu kämpfen. Auch, dass es Frauen mit den unterschiedlichsten Körperformen und Stilen gibt und es jede einzelne zu respektieren gilt. Ich habe einen Mann geheiratet, für den es selbstverständlich ist, zu kochen, Staub zu saugen und Wäsche zu waschen. Das war noch nie irgendeine Diskussion bei uns. Und würde er das nicht tun, wäre er in meinen Augen nicht frauenfeindlich, sondern ein fauler, schlecht erzogener Sack. Und dann wäre ich nicht mit ihm zusammen. 

Unsere Zeit ist jetzt

Statt uns also davor zu fürchten, dass uns Männer nicht ernst nehmen (wen interessiert es, was der Typ mit Halbglatze, dessen Ehe am Scheitern ist, denkt? Hauptsache du weißt, was du kannst und zeigst das auch. Deine Expertise ist weitaus wichtiger, als ob bei dir da unten was rumbaumelt oder nicht), setzen wir uns doch bitte für die wichtigen feministischen Themen ein: Sprechen wir uns gegen Gewalt an Frauen und Frauenhandel aus. Helfen wir den Teilen der Welt, in denen Frauen noch kein Wahlrecht oder allgemein kaum Rechte haben. In Saudi-Arabien zum Beispiel dürfen Frauen erst seit einem Jahr Auto fahren. Könnt ihr euch das vorstellen? Das Projekt „keep a girl in school“ versorgt junge Frauen mit Hygieneartikel, da sie sonst während ihrer Periode nicht in die Schule gehen könnten – und damit rund 2 Monate pro Schuljahr fehlen müssten. Dass wir es hierzulande so gut haben, haben wir unseren Vorgängerinnen zu verdanken, die dafür gekämpft, gestreikt und demonstriert haben. Und dafür gebührt ihnen unser Dank. Jetzt sind wir an der Reihe. Respektieren wir uns selbst. Respektieren wir andere. Akzeptieren wir, dass nicht alle Menschen immer unsere Meinung teilen. Das ist verdammt gut so!

2 Kommentare zu „Warum ich (k)eine Feministin bin

  1. Als ich vor kurzem gesehen habe, wie viele Bundesländer inzwischen Kommissionen für das Thema „Frauen“ haben (neben Punkten wie Umweltschutz und Soziales), habe ich mich fast beleidigt gefühlt. Sind wir Frauen etwa so unmündig, dass es eigene Abteilungen für unsere Gleichberechtigung braucht? 😀

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