Warum Frauen der Emanzipation selbst im Weg stehen

Ich muss zugeben: Wenn es eine Sache gibt, die ich an meinem Leben liebe, ist es das Frau-Sein. Klar, wir alle haben uns schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie viel leichter unser Leben wäre, wenn wir im Stehen pinkeln könnten oder unter der roten Welle eine schlechte Ampelphase verstehen würden.
Und trotzdem: Kaum etwas erfüllt mich so sehr wie das Auftragen von Make-Up, das Kaufen von Highheels und Kleidern und natürlich kitschig pinke Handyhüllen.
Was ich am Frau-Sein allerdings nicht leiden kann sind, nun ja, andere Frauen.
Natürlich habe auch ich meine weiblichen Seelenverwandten, deren Einstellungen perfekt zu den meinigen passen, doch in den letzten Wochen habe ich so viele seltsame Geschlechtsgenossinnen kennengelernt, dass ich mir öfter an den Kopf greifen musste, als ein Kind mit Läusen.

Wer ohne Sünde ist…

Angefangen hatte alles während meines Sommerjobs. Vielleicht war es dumm von mir zu glauben, dass Frauen eigentlich zusammenhalten sollten, anstatt aus Neid oder eigener Unzufriedenheit das gleiche Geschlecht derart anzufeinden, dass eine Verbundenheit unmöglich wird. Doch noch nie zuvor hatte ich so intensiv erfahren, wie andere Frauen aus Langeweile ihre Selbstdarstellung durch das Erfinden von Gerüchten oder das Schlechtmachen von anderen, fundieren wollen. Hier wurde über jeden getratscht – der Spruch „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“, wurde munter ignoriert. Jeden Morgen plauderte jemand die neuesten Storys aus dem Nähkästchen. Am liebsten natürlich über jene, die gerade nicht in unmittelbarer Nähe standen – denn denen wollte man in der Mittagspause ja wieder mit einem aufgesetzten Lächeln Gerüchte über die Mädels auftischen, mit denen man zwei Stunden zuvor noch gelästert hatte.
Was mich allerdings wirklich schockierte, waren die Themen, über die diskutiert wurden. Denn meistens zerrissen sich gerade jene das Maul, die einen kompletten Nervenzusammenbruch inklusive Heulkrampf und Schreianfall bekommen würden, wenn jemand sie kritisiert hätte. Am verpöntesten waren Frauen, die sich auf der einen Seite gerne als Frau fühlten und demnach auch ihre Vorzüge nicht versteckten, sich aber andererseits auch, wie sonst für „Männer üblich“, gerne amüsierten. Bedenklich finde ich dabei, wie die meisten dieser Frauen für Gleichberechtigung eintraten. Und wichtiger, sie hätten sofort eine Demo gegen Mobbing gestartet, wenn man sie als „zu beleibt“ oder „zu flachärschig“ betitelt hätte – selbst hatten sie allerdings kein Problem damit, über große Brüste oder das Sexualleben anderer herzuziehen. Ganz ehrlich, ich mache mir keine Mühe mehr, Synonyme für etwas zu finden, das in unserer Gesellschaft völlig normal sein sollte.
Und das sollte es, hab ich nicht recht? Wenn wir wollen, dass alle gleich behandelt werden, dass niemand als „zu fett“ oder „zu prüde“ oder „zu langweilig“ bezeichnet wird – müssen wir Frauen dann nicht den ersten Schritt setzen und auch die jeweiligen Pendants respektieren?

Leben und leben lassen

Anscheinend fällt dies aber sogar jenen schwer, die sich augenscheinlich für Emanzipation einsetzen, denn in einem Seminar das ich besuche, welches sich mit dem Gender-Thema in Publikationen befasst, wird fast ausschließlich darüber diskutiert, wie verwerflich es ist, wenn Frauen in Werbungen über ihre Lippen lecken, oder sich freizügig kleiden. Meist beteuern diese Kritikerinnen, dass Frauen, die so agieren, von Männern in diese Rolle gedrängt werden oder tiefgründige, psychische Probleme oder die sogenannten Daddy-Issues aufweisen. Ehrlich, manchmal könnte ich darüber Tränen lachen. Sind diese Frauen wirklich davon überzeugt, dass sich niemand gerne sexy fühlt und sich auch so verhält? Einfach so? Weil man gerne mal bewundert wird, weil es auch ganz schön sein kann, wenn dir jemand nachstarrt? Warum ist jede Frau, die sich gerne vergnügt, gleich eine Nutte? Eine Frau, die mit Sexualität nichts anfangen kann, ist doch ebenfalls keine Nonne. Langsam würde ich gerne mal plausible Gründe dafür hören, warum es vielen Frauen so schwer fällt sich, pardon, um ihren eigenen Scheiß zu kümmern. Ganz nach dem Motto „leben und leben lassen.“?!

Finde heraus, was du willst

Niemand verkauft sich unter seinem Wert, nur weil er oder sie zu sich selbst und den damit verbunden Entscheidungen steht und diese nicht verheimlicht oder unter den Tisch kehrt. Warum gilt das sich einigermaßen eingebürgerte Verhalten, andere nicht nach dem Äußeren zu beurteilen, nur für das eine Extrem? Warum muss eine Karrierefrau auch im Privatleben mit Rollkragenpulli und Brille vor ihren Wirtschaftsmagazinen sitzen? Weil man sie sonst nicht ernst nehmen kann? Weil sie sonst dümmlich wirkt? Weil man in einem kurzen Kleid nichts auf dem Kasten haben kann? Was ist das Problem, sich selbst und seine Möglichkeiten ausprobieren zu wollen? Herauszufinden, was man will und was man nicht will? Herauszufinden, wer man ist?
Unsere Entscheidung

Niemand ist perfekt, das ist richtig. Doch der Wunsch, der in jeder Frau irgendwo verankert ist, nämlich respektiert zu werden und die gleichen Möglichkeiten wie jeder andere Mensch zu haben, ist noch ein langer und steiniger Weg, wenn die ständigen Vorurteile gegenüber Äußerlichkeiten und Vorlieben nicht endlich abgelegt werden.
Wie können wir erwarten, beim anderen Geschlecht im Zuge der Emanzipationsbewegung nicht auf Granit zu beißen, wenn wir nicht mal die Individualität von anderen Frauen akzeptieren können?

Stehen wir uns selbst und anderen also nicht im Weg. Vielfalt und verschieden Facetten sind am Ende des Tages das was uns ausmacht. Und darüber hat keiner zu urteilen. Niemand sollte ein schlechtes Gewissen aufgrund seiner Eigenheiten haben.

Es ist unsere eigene Entscheidung, wie wir uns kleiden, unseren Körper formen oder was wir im Schlafzimmer anstellen. Auch wenn wir dort nur drei Tafeln Schokolade, eine Eisbox und eine vor Fett triefende Pizza essen 😉

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